Der Ansatz konstruktiver Konfliktbearbeitung (A.T.C.C.)

Die Abkürzung A.T.C.C. kommt aus dem französischen und bedeutet: Konflikte wahrnehmen und konstruktiv zu bearbeiten.

Vor der Bearbeitung braucht es eine Wahrnehmung. Das klingt auf den ersten Blick einfach. Leider gibt es ein wichtiges Element in der Konfliktvermeidung, nämlich die Leugnung. Wir wollen nicht wahrnehmen! Dieses nicht wahrnehmen wollen kann unterschiedliche Ursachen haben: Auf der Ebene der Struktur kann dies im gesellschaftlichen System verankert sein, z.B. indem es keine Orte und Möglichkeiten der öffentlichen Austragung von Konflikten gibt. Die Leugnung kann aber auch aus kulturellen Vorstellungen heraus begründet werden, beispielsweise in der kulturellen Verankerung, dass ein Konflikt als negativ angesehen wird und deswegen gar nicht sein darf. Oder es kann personelle Erfahrungen geben, z.B. dass wir aus Angst vor Abwertung, Verletzung oder dergleichen durch ein Vermeidungsverhalten hoffen, wir können dem Konflikt entfliehen. Ängste, wie später auch aufgezeigt wird, sind dabei wichtige „Informanten“ in einem Konflikt. Sie können aber auch dazu führen, dass wir uns nicht mit den Inhalten eines Konfliktes auseinandersetzen.

Wahrnehmung verstehen wir in einem Spannungsfeld unserer Sinne, dem Gefühl und dem Verstand. Wir sehen oder hören nicht nur einfach. Im Moment des Sehens empfinden wir ein Gefühl und verbinden dies mit Erfahrungen, die wir schon gemacht haben. Wahrnehmung ist ein systemischer Vorgang, der uns die Chance gibt, all dies zu erfassen, was uns umgibt, und wie dies uns mit unseren Erfahrungen rückgekoppelt wird. Dies kann z.B. der Geruch eines Reinigungsmittels sein, der seit Jahrzehnten in Schulgebäuden genutzt wird. So kann beim Betreten eines Schulgebäudes dieser Geruch Empfindungen auslösen, die wir als Schüler oder Schülerin gehabt haben. Wir wollen vielleicht plötzlich auf dem Gang hüpfen oder uns irgendwo verstecken, damit wir ja keiner Lehrkraft begegnen. Die Hirnforschung beschreibt dies unter der Prämisse: Das Gehirn vergisst nichts!

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Unsere Wahrnehmung ist auch geprägt von den Erfahrungen unserer Vorfahren. Diese haben uns – meist über die Kultur – Interpretationen zu den Wahrnehmungen mitgegeben: Dürfen Gefühle sein? Dürfen Männer Gefühle zeigen? Sind Gefühle nur den Frauen vorbehalten? In dem Begriff der Bearbeitung oder der Transformation finden wir häufig die kulturelle Vorstellung von der Lösbarkeit eines Konfliktes. Doch lassen sich Konflikte wirklich lösen? Hier treten kulturelle Grundannahmen in den Vordergrund und vermitteln uns vielleicht die Vorstellung, eine „Endlösung“ zu schaffen.

Der A.T.C.C.-Ansatz geht davon aus, dass wir Konflikte „transformieren“, also bearbeiten können. Das Konfliktpotential bleibt vorhanden. Dies ist gut so, denn Konflikte sind, aus A.T.C.C.-Sicht, Mittel zur Klärung von Bedürfnissen. Konflikte zu unterdrücken hilft erfahrungsgemäß wenig. Ebenso hat es wenig Sinn, sie aus der „Welt zu schaffen“. Konflikte sind Teil unseres Menschseins. Sie helfen uns zu wachsen.

Ein weiterer Aspekt ist das „Konstruktive“. Konstruktiv hat eine doppelte Bedeutung: Es geht um etwas Aufbauendes, also nichts Destruktives. Es geht aber auch um eine Konstruktion. „… Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt! …“, so Pippi Langstrumpf. Wir können Konflikte konstruieren und dekonstruieren. In Konflikten werden Wirklichkeiten erschaffen, die wir gar nicht zu überprüfen im Stande sind. Es entstehen Feindbilder, die grandiose Ausmaße annehmen. Umgekehrt können wir Vorstellungen schaffen, die es ermöglichen, einen vermeintlichen Feind anders zu sehen. Wir konstruieren unsere Welt. Wir sind damit keine Opfer einer Bedingung. Wir können handelnd gestalten. Dies ist für alle Konfliktebenen wichtig.

Unser Ansatz verlangt aus diesen Gründen ein hohes Maß an Authentizität. In der Beratungs- wie in der Trainingsarbeit kommen wir immer wieder an den Punkt, den wir vom A.T.C.C.-Ansatz her AUTHENTISCH nennen. Sich (seiner) selbst bewusst ins Spiel bringen. Eintauchen in die Geschichte des Gegenübers und der eigenen, die damit verbunden ist. Sich aber nicht zu verlieren.

Authentisch arbeite ich, wenn ich mir die Erlaubnis für die Wahrnehmung meiner eigenen Themen gebe. Ich nehme wahr, was in mir selbst geschieht. Die Ängste, die Widerstände, die Bedürfnisse. Musterimpulse oder die ganzen biografischen Schnittstellen.

Zur Unterscheidung: In vielen Richtungen wird dies aus dem professionellen Kontakt herausgenommen. Sie werden als Hindernisse für die Beratung oder Trainingsarbeit verstanden. Der Berater soll „neutral“ gegenübersitzen, usw. In unserem Ansatz ist die/der BeraterIn nicht neutral. Sie ist parteilich, d.h. an-teil-nehmend. Sie weiß um die Themen, da sie diese auch kennt. Sie kann Angst spüren und nach deren Botschaften schauen.

Aus unserer Erfahrung wird diese Authentizität erreicht, indem wir von den „Anforderungen“, „Bildern von…“ (zum Beispiel einer abstinent arbeitenden Beraterin, die immer Oberwasser hat)  oder Urteilen absehen und wir uns mit dem Hintergrund eines Anteilnehmenden auf das Thema des Gegenübers einlassen. Das erfordert selbstverständlich die Kompetenz Gesagtes einzuordnen, in einen Bezug zu bringen und es methodisch auch entsprechend zu bearbeiten. Doch es muss uns berühren.

Ebenen eines Konfliktes

Ein Konflikt aus der Sicht des A.T.C.C.-Ansatzes hat sechs Elemente, die sich gegenseitig beeinflussen. Dieser gegenseitige Einfluss macht es möglich, zu entscheiden, an welcher Stelle ich mit der Bearbeitung eines Konfliktes beginnen will. Elemente sind hier Bestandteile, die das Gesamte ausmachen.

Element Person

Menschen haben Bedürfnisse und Ängste sowie Verhaltensmuster, die aus den Ängsten folgen. Wir sind mit Bedürfnissen auf die Welt gekommen. Bedürfnisse teilen uns mit, was wir brauchen, damit es uns gut geht. Bedürfnisse sind sozial angelegt und brauchen das Zusammenspiel mit anderen Menschen. Es handelt sich bei dem Begriff „Bedürfnis“ nicht um irgendwelche materiellen Güter, die zur Befriedigung eines Mangels eingesetzt werden. Die sechs Grundbedürfnisse sorgen dafür, dass wir die Liebe empfangen, die wir für unsere Entwicklung brauchen. Sie teilen uns mit, dass wir für unser Tun eine Anerkennung brauchen oder/und dass wir wissen möchten, wohin es geht (Orientierung). Wir brauchen ebenfalls die Möglichkeit, einen eigenen Raum so zu gestalten, dass wir ihn als Intimraum erleben. Wir sorgen uns um die „freie Entscheidung“ und suchen damit unsere Autonomie. Ein sehr wichtiger Punkt ist der Sinn in unserem Handeln. Wir suchen ihn und brauchen ihn.

Die sechs Grundbedürfnisse sind: Liebe, Anerkennung, Orientierung, Sicherheit, Autonomie und Sinn.

Zur Definition von Bedürfnissen gibt es unterschiedliche Zugänge. Bekannt ist vor allem die Bedürfnispyramide von Maslow. Er geht in seiner Betrachtung davon aus, dass Bedürfnisse entstehen, wenn Mangel vorhanden ist. Somit ist ein Bedürfnis mit einem Mangelsystem zu vergleichen. Dies funktioniert auch. Erzeugen wir einen Mangel, so sind wir bereit, für unsere Bedürfnisse einen Ersatz anzunehmen, wie zum Beispiel das von der Werbung angebotene Gut als Bedürfnisbefriedigung zu nutzen. Nur damit ist nicht der Vorgang des Bedürfnisses erklärt. Erich Fromm und Viktor Frankl haben das Konzept von Maslow, das Bedürfnisse als Mangelsysteme beschreibt und sie in eine Hierarchie stellt, widerlegt. In der aktuellen neurobiologischen Forschung wurde ebenfalls nachgewiesen, dass die Bedürfnisse grundgelegt sind. Sie weisen uns auf die Notwendigkeit hin, ein gelingendes menschliches Leben zu führen.

Element Regel/ Recht

Das Recht ist auf den ersten Blick eine „vertragliche“ Vereinbarung zwischen dem Bürger und seinem Staat. Dort ist geregelt, wie das Zusammenleben zwischen den Menschen in dem Land auszusehen hat. Vor allem sind die Grenzen der Entfaltungsfreiheit deutlich beschrieben. Bei Übertretung dieser folgen vereinbarte Sanktionen. Damit dies alles transparent ist und es nicht parteiisch zugeht, gibt es die Gewaltenteilung. In unserem Land ist die gesetzgebende Gewalt das Parlament, das vom Volk gewählt wird. Es gibt andere Formen wie Recht zustande kommen kann. Kulturell wird Recht und deren Wichtigkeit unterschiedlich interpretiert. So haben wir im Augenblick eine sehr schwierige Debatte, ob der universelle Artikel zum Asyl, mit sogenannten Obergrenzen reglementiert werden kann.

Regeln, beziehen sich auf Gruppe und Organisationen, sind Ergebnisse von Konflikten. Sie verhindern permanente Auseinandersetzungen und schaffen sie wieder selbst. Regeln sind an den Werten orientiert. Eine Regel braucht auch eine Sanktion, die vereinbart wurde. Eine Sanktion, in unserem Sinn, setzt sich aus Einsicht und Wiedergutmachung zusammen. Regeln sich sichtbar und nachlesbar. Wiedersprechen Regeln dem Gesetz, so dürfen sie auch nicht zur Geltung kommen.

In vielen Beziehungszusammenhängen, gibt es Erwartungen, Bedürfnisse und sittliche Vorstellungen, die wir von uns und von dem Anderen wünschen. Diese sind wichtig. Es enttäuscht uns, wenn wir diese nicht erfüllt bekommen, doch sie sind nicht sanktionierbar.

Element Struktur

Wir Menschen bewegen uns in Strukturen. Wir haben sie geschaffen oder wurden in sie hineingeboren. Es sind Räume, die durch uns geschaffen werden und uns auch wiederum prägen. Wir gestalten Landschaften, schaffen Städte oder verursachen Wüsten. Wir werden aber auch mit Landschaften konfrontiert. Berge prägen uns ebenso wie Steppen. Wir entwickeln Architekturen und Maschinen, die unseren Alltag bestimmen. Strukturen sind auch die Verteilung von Gütern. Wie wird mit Land umgegangen? Wer bestimmt über die Produktion von Nahrung oder deren Verteilung? Wie wird Macht geregelt? Welche Formen der Willensentscheidung hat ein Volk? Welche Rollen werden wie übernommen? Dies sind alles strukturelle Fragen und in der Regel die strukturellen Themen eines Konfliktes.

Element Ritual

Jede Kultur verankert ihre personalen Themen und die Werte in Rituale. Der Zweck eines Rituals ist die Bindung. Wir erleben eine Zugehörigkeit. Durch die Rituale können wir mit Anfangs- und Endsituationen, sowie mit Krisen leichter umgehen.

Element Kultur

Mittels unserer Kultur fühlen wir uns zugehörig. Wir erkennen die vertrauten Ritualen, den Raum, der als solcher zur Herkunft in Verbindung steht, Wir deuten damit die Werte und legitimieren unser Denken, Fühlen und Handeln. Kultur wird vielschichtig und immer vermittelt. So sind es die Eltern, die regionale Umgebung, die Form religiösen Handelns oder auch die Arbeit, die uns mitteilen was richtig und falsch im kulturellen Sinn der Zugehörigkeit ist. Kulturell sind wir nie abgeschlossen, doch wir haben Präferenzen, die wir uns bis zu diesem Augenblick angeeignet haben.

Element Werte

Werte sind positive Orientierungen, die in einer Gruppe geteilt werden. Diese Orientierungen gelten für diese Gruppe als verbindlich. Die für die Gruppe geltenden Regelsysteme, wie z.B. das Recht, beziehen sich auf diese Werte. Ein Staat wie die Bundesrepublik hat eine Verfassung, in der die gemeinsamen Werte verankert sind. Werte entspringen den menschlichen Bedürfnissen und werden kulturell legitimiert.

In unserem A.T.C.C.-Ansatz haben wir heraus gearbeitet, woran die Schwerpunkte eines Konfliktes am leichtesten zu erkennen sind. Von dieser Orientierung ausgehend, kann dann mit unseren Mitteln und Methoden ressourcenorientiert ein Konflikt bearbeitet werden. Und immer wieder sind wir als BeraterInnen und TrainerInnen Teil des Bearbeitungsprozesses und staunen über die eigenen Wege, die wir schon gegangen sind.